Zivilisationslärm und Jugend

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 26.06.2015)

Die Sonne scheint. Ich geniesse ein Bier in einer lauschigen Gartenbeiz. Mein Blick schweift in die Ferne, ich erkenne hinter einer Waldkuppe den Säntis. Einige Männer und Frauen sitzen am Nebentisch. Aus ihrem Gemurmel zu schliessen, sprechen sie über Postautokurse und den Sieg Stan Wawrinkas. Landleben, Frieden, Eintracht. Plötzlich werden wir aufgeschreckt. Ein ohrenbetäubender Lärm ertönt. Irritiert versuchen wir die Lärmquelle zu identifizieren, Köpfe wenden sich. Vom Bahnhof, neben der Gartenlaube kommt es her! Zwei Jugendliche brausen auf ihren Rollern heran. Ihre Motoren haben sie schrill aufgedreht, die Auspuffe abmontiert. Einige Gäste schmunzeln, eine Frau regt sich auf. Rund zehn Minuten lang drehen sie Runden durch das Dorf und zurück zum Bahnhof. Sie bringen Lärm ins stille Dorf und werden zum Zentrum der Aufmerksamkeit.

Menschen produzieren Geräusche. Seit Jahrhunderten beschränken wir uns nicht auf personale Geräusche wie Pfeifen, Reden, Singen, Furzen, Klatschen, Schnalzen, Schreien, sondern machen uns über Zivilisationslärm bemerkbar.

Kakofonische Zustände: Wir verwandelten einen Planeten, der vorher ausser gelegentlichen Vulkanausbrüchen, Donner, brüllenden Löwen und Bergstürzen wenig zu bieten hatte, in einen lärmigen Ort. Unsere Töne künden von unseren Anstrengungen, uns ein Habitat einzurichten. In Städten herrschten im Mittelalter kakofonische Zustände. Warenausrufer schrien, Pferde wieherten, eisenbeschlagene Hufe trappelten auf Kopfsteinpflaster, Pferdegeschirre rasselten, Schweine grunzten, Kutschen quietschten, Schmiede hämmerten unerbittlich, Kanonen donnerten und Pfarrer erinnerten durch Glockengeläut an den Gottesdienst. Mit der Industrialisierung intensivierten sich die urbanen Geräuschkulissen. Man hörte Dampflokomotiven stampfen und ruhige Landstriche akustisch bereichern, Kohlenwagen knarren, Telefondrähte im Wind singen, Strassenbahnen heulen, Fabriken rattern. Automobile führten sich durch Brummen, Knallen und regelmässiges Hupen ein. Flugzeuge wie die Super Constellation L-1049 donnerten ehrwürdig über Häuser. Zwei Drittel der damaligen Geräusche waren Werkzeug- und Maschinengeräusche. Sie zeugten von den immensen Anstrengungen, die es braucht, um unseren Lebensstil zu erhalten.

Und heute? Unsere Anstrengungen richten sich darauf, den Zivilisationslärm auszumerzen. Autos hört man nicht mehr, Hupen selten, neue Flugzeuge wie der C Series 100 flüstern nur noch und Sportwagen dürfen nicht mehr aufheulen. Vor den Restbeständen des Zivilisationslärms schützen wir uns in der Öffentlichkeit, indem wir uns mit einer Tonblase umhüllen. Dank Kopfhörern können wir Aussengeräusche durch selbstgewählte Geräusche ersetzen. Sie sollen uns nicht an unseren Energieverbrauch erinnern, sondern beruhigen, erregen oder unterhalten. In Kaufhäusern ertönt sphärische Musik und an Opern Airs bemächtigen sich präferierte Töne der gefühlten Umwelt. In Wohnhäusern muss nach zehn Uhr Nachtruhe herrschen und dichte Fenster wehren Aussengeräusche ab, die von Zivilisationshektik künden. Wir wollen die Illusion hegen, dass wir uns harmonisch dem Planeten einfügen. Wir hören weder die Ölpumpen in Nahen Osten, noch die Stollenbohrer im Ruhrgebiet. Wir vergessen, dass wir die Welt täglich intelligent ausbeuten und welche Anstrengungen nötig sind, um unsere Zivilisation zu erhalten. Vielleicht braucht es mehr Jugendliche, die mit ihren Rollern daran erinnern, dass Motoren unsere modernen Sklaven sind und Energie verbrauchen?

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