Weniger Professionalität ist manchmal besser

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 3.10.2014)

«Was heisst professionell?», wird die Gemeindepräsidentin gefragt, nachdem ihre Gemeinde Massnahmen berappen musste, die die Erwachsenenschutzbehörde Kesb beschlossen hatte. Die Kosten von mehreren Hunderttausend Franken übersteigen die finanziellen Möglichkeiten der kleinen Gemeinde. Die Politikerin antwortet: «Professionell heisst: Teuer und keiner hat die Verantwortung!» Die Erhöhung der Professionalität war ein Kernanliegen bei der Reform der Sozialbehörde. Über Kindsschutzmassnahmen sollen Fachpersonen statt Laien befinden. Interdisziplinäre Gremien entscheiden über Beistandschaft, Familienbegleitung oder Heimplatzierungen. Die Kesb setzt sich aus Juristen, Sozialarbeitern, Medizinern, Pädagogen und Psychologen zusammen. Durch die Kooperation verschiedener Disziplinen erhofft man sich ausgewogene Entscheide und die Einhaltung professioneller Standards. Leider ist dieses System auch fehleranfällig.

Die Kinder einer Mutter werden durch die Polizei frühmorgens abgeführt, in eine Beobachtungsstation und später in ein Heim eingewiesen. Grund: auffälliges Verhalten eines Sohnes im Kindergarten. Die Proteste des Hausarztes, des lokalen Psychiaters bleiben ungehört. Ausser einem Sonnenbrand nach einem Ausflug gibt es keinen Tatbestand, der auf mangelnde Erziehungsfähigkeit der Mutter hinweist. Ihr verzweifelter Widerstand gilt hingegen als nachträglicher Beweis einer gestörten Persönlichkeit. Im Verhalten der Mutter gegenüber der Behörde glaubt man die Ursache der Schwierigkeiten des Kindes zu erkennen. Das Vorgehen erinnert an Kinder der Landstrasse. Ein anderer Fall: Einer Mutter wird eine Heimplatzierung ihres Sohnes angedroht, nachdem ein Sozialarbeiter gefährliche Amokfantasien bei ihm festgestellt hat. In beiden Fällen waren Traumatisierungen der Kinder, der Familie und immense Kosten die Folgen. Pikant: Die Entscheide fielen aufgrund von Papier, ohne Kenntnisse der Begebenheiten vor Ort und ohne Kontakt zu den Betroffenen.

Solche Entscheide weisen auf einen Systemfehler hin. Wenn nur Profis und nicht auch Laienvertreter der Gemeinde sich mit Sozialfällen befassen, kommt es zu einer Fokusänderung. Nicht die Situation vor Ort, sondern die Paradigmen des Berufsstandes werden zur Grundlage der Beurteilung: Heimerziehung ist grundsätzlich besser als Familienerziehung; Frauen, die nicht ausser Haus arbeiten, machen sich verdächtig. Verantwortungsdiffusion droht: Entscheide werden durch Standards begründet und nicht von Menschen. Man versteckt sich hinter einem Gremium. Aktionismus übernimmt. Man neigt eher dazu, etwas zu beschliessen, als nichts zu tun; man muss die eigene Profession legitimieren und Richtlinien befolgen. Informationskaskaden kommen vor. Die Mitglieder des Gremiums übernehmen die Primärinfos, weil sie intern den Konsens anstreben und nicht an heftige Auseinandersetzungen gewöhnt sind. Optionen ausserhalb des professionellen Denkraums werden nicht angedacht. Bekannt ist die Gefahr der Kostenblindheit. Über soziale Interventionen sollten nicht professionelle Gremien allein entscheiden. Es braucht die Mitwirkung von Laien, die mit der Situation vor Ort vertraut sind und sich mit den Kostenträgern, der Gemeinde, identifizieren. Wir handeln alle gerne sozial, wenn es nicht unser Geld ist. Die Auseinandersetzungen mit Laienargumenten muss in die Profigremien hineingetragen werden, damit nicht das Standesdenken der Fachpersonen übernimmt. Ausserdem müssen klare Entscheidungsträger, an die sich die Betroffenen richten können, identifiziert werden können. Fazit: Im Sozialbereich führt Professionalität nicht zwingend zu besseren Leistungen.

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