Provokation als Anbindungsakt?

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 23.01.2015)

«Ihr seid bei der Themenwahl völlig frei!» erklärt die Lehrerin ihrer Gymnasialklasse. «Wichtig ist, dass ihr etwas wählt, das euch wirklich interessiert!» Für zwei sechzehnjährige Jungen ist die Wahl klar: Pornografie! Während der Studienwoche wollen sie sich diesem heiklen Thema widmen. Ende Woche präsentieren die Schüler dieser Klasse ihre Ergebnisse. Als Leistungsausweis gilt ein Plakat. Es wird sowohl von den Schülern wie den Lehrpersonen bewertet. Unter den Schülern und Schülerinnen schwingt das Porno-Plakat oben aus: das coolste und originellste Plakat der Studienwoche! Die Lehrerschaft hingegen reagiert pikiert. «Diese Darstellung der Frau ist eine persönliche Beleidigung aller Frauen dieser Schule!», verkündet die Rektorin auf dem überklebten Plakat. Kurze Zeit später steht neben dieser Ansage: «Bei ihnen kein Problem: Sie sind nämlich ein Mann mit einem dicken, fetten Penis!» Der Urheber wird identifiziert: einer der Plakathersteller. Konsequenzen werden gezogen.

Man beruft sich auf Null-Toleranz gegenüber Sexismus, verordnet ein Time-out und Gespräche beim Psychologen. Nun sitzt der schmächtige Jugendliche da. Der Vorfall? Porno interessiert ihn nicht, er wollte einfach Leben in die Schule bringen. Mit mir möchte er über die Stagnation des Westens, menschengerechte Diktaturen und Nietzsches Zarathustra reden. Ein hochintelligenter, herausfordernder Junge, der die Auseinandersetzung mit existentiellen Themen sucht, Debatten liebt. Die Schule? Die erlebt er als eine Anpassungsmaschinerie einer überheblichen Bürgerschicht. In der Schule will man ihn nicht. Er selber will inzwischen auch nicht zurück. Dort herrsche Schablonendenken.

Ein Ausnahmefall? Bekanntlich sind Knaben heute die Bildungsverlierer. Sie kippen wegen ihrem Verhalten, ihrer Motivation und ihren Leistungen aus unserem Bildungssystem. In Mittelschulen hat sich die Anzahl der Knaben bei der Matur auf weniger als 40 Prozent reduziert. Erfreulich, wenn Mädchen erfolgreich sind, doch man muss sich fragen, welches die Gründe des Versagens der Knaben sind. Auffallend: Bei vielen handelt es sich um intelligente, engagierte junge Menschen: der Achtzehnjährige, der schon zwei Filme produziert; der Graffiti-Spezialist, der in der Szene Fame erlangt hat. Gemeinsames Merkmal dieser Jungen ist: Sie wollen sich inszenieren. Ihre Provokationen sind ein Versuch, gehört zu werden. Sie suchen die Auseinandersetzung über Grundsätzliches. In Schulbetrieben, in denen leise reden, bescheiden auftreten, niemanden unterbrechen, nichts Freches sagen und die Förderung der Sozialkompetenzen über allem stehen, finden sie sich, im Gegensatz zu genialen Mädchen, nicht zurecht. Die Aussicht, später ein vermodularisiertes Studium antreten zu müssen, ist ihnen zudem ein Greuel.

Diese Jungen weisen auf ein ernst zu nehmendes Problem unseres Bildungssystems hin. Das verpasst es, sich der Jungen anzunehmen, die sich über grandiose Fantasien, selbstgerechte Überheblichkeit und rebellischen Geist in die Gesellschaft integrieren wollen. Oft handelt es sich um junge Menschen, die neue Entwicklungen repräsentieren, der Gesellschaft etwas zu bieten hätten. Sie wollen sich nicht einfach anpassen, sondern über Reibungen und den Widerspruch integrieren. Ihre Provokationen sind ein Versuch, die Alten aufzurütteln, zu demaskieren. Wenn ihnen jedoch niemand die Stirn bietet und einen Freiraum für Debatten offeriert, dann sind sie verloren und wenden sich enttäuscht ausserschulischen Themen zu. Die Schule wird irrelevant und die Gesellschaft erleidet einen Verlust.

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