Kommunikation als Flucht

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 21.08.2015)

Rotbarbe und Calamares aus der Bretagne: Das Essen sah köstlich aus und beim Wein handelte sich um einen Château Timberlay. Jedoch: Speise und Getränk waren für das Paar Nebensache. Sie widmeten sich auch nicht dem Gegenüber, sondern jeder konzentrierte sich auf seinen kleinen Apparat. Fiebrig wurde er betippt, abgehört, studiert und bestaunt. Die Hälfte der Zeit war das Paar von seinen iPhones absorbiert. Stellt man sich das unter einem gemeinsamen Nachtessen in einem Restaurant vor? Beide schienen nur halb anwesend zu sein. Erstaunlich: Am Schluss des Abends verliess das Paar zufrieden und lachend das Lokal. Habe ich etwas verpasst?

Handy und iPhone sind überall präsent: Wenn Mädchencliquen sich treffen, sind sie oft alle gleichzeitig mit ihrem Handy beschäftigt. Im Zug sitzt man wortlosen Mitpassagieren gegenüber, wenn sie Töne von sich geben, dann ist es wegen eines Anrufs oder einer erfreulichen SMS. Beim Einkauf im Supermarkt wimmelt es von Zombies, die auf höfliches Bitten, einen durchzulassen, keinen Wank tun: Die Ohren sind verstöpselt. Alle signalisieren eine ähnliche Botschaft: Eigentlich bin ich woanders. Der Event ist nicht im Hier und Jetzt, sondern es ist das Selfie einer Kollegin an einer Party, ein freakischer Unfall in Taipei oder ein krasser deutscher Rap.

Menschen leben von Beziehungen, inneren Bildern und in Gemeinschaften. Wir hegen Träume und Wünsche, werden jedoch auch von Ängsten geplagt. Man möchte etwas erleben, wird jedoch von Hemmungen und Bedenken gebremst. Werde ich den anderen gefallen? Was ist, wenn ich etwas Dummes sage? Bei Begegnungen mit halb vertrauten oder unbekannten Menschen sind wir oft unsicher. Peinlichkeiten, Debakel und Verletzungen möchten wir verhindern und unser Inneres verraten wir nur zögerlich. Unser Verhalten ist von Ambivalenz geprägt. Wir wollen dabei sein und auch nicht. Das Problem: Das Leben ausserhalb des privaten Raums ist nicht kontrollierbar. Ein Treffen mit Kolleginnen könnte ein riesiger Flop werden und die Party, für die man sich entschieden hat, ein Reinfall. Wir müssen uns absichern. Hier hilft das Handy: Man kann sich wegbeamen und ist doch dabei. Dank intensivem Tippen auf dem Handy signalisiert man soziale Bedeutung, auch wenn man ignoriert wird. Und der Anruf, den man bedeutungsschwer abnimmt, suggeriert Geschäftigkeit.

Früher war das vielleicht einfacher. Es gab klare Umgangsregeln. Nicht Spontaneität und Natürlichkeit waren gefragt, sondern Rituale regelten Begegnungen. An Tanzanlässen notierten sich Frauen den nächsten Tanzpartner. Führte ein junger Mann ein Mädchen aus, dann wurde er zuerst vom ihrem Vater begutachtet und Small Talk war gesellschaftliche Pflicht. Vor über hundert Jahren löste das Telefon eine Schockwelle aus: Wie soll ich auf die Stimme einer Person reagieren, die mir nicht vorgestellt wurde? Bell schlug «Hallo» vor. Formale Verhaltenscodes halfen, mit Unsicherheit und Ambivalenzen umzugehen und den Umgang mit Mitmenschen zu pflegen.

Das Handy ermöglicht uns, Ambivalenzen anders auszudrücken: Wir klicken uns virtuell weg. Entschwinden innerlich in eine Welt, die nicht bedrohlich ist. Wir kommunizieren mit Fantasien und nicht mit der Realität. Wir sind hier und auch nicht. Der Ambivalenz, die zu jeder menschlichen Begegnung gehört, wird ausgewichen. Wir schützen uns durch virtuelle Distanz. Vielleicht wäre es gut, wenn wir von Zeit zu Zeit das Handy oder iPhone ganz weglegten und wahrnähmen, was um uns herum geschieht. Unsere Umwelt ist auch ein Event.

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