Ist Gratisberatung oder Gratishilfe wertlos?

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 20.03.2015)

«Sie müssen nichts bezahlen. Wir sind eine staatliche Beratungsstelle», erkläre ich den Eltern bei Abschluss der Beratung. Statt mit einem Dankeschön oder Nicken reagieren sie leicht erbost: «Wir möchten aber bezahlen!» Eine solche Reaktion ist rar. Denn wer die Unterstützung einer staatlichen Dienstleistung beansprucht, hat ja bereits mit den Steuern bezahlt. Man könnte also ohne schlechtes Gewissen Hilfe in Anspruch nehmen. 

Als Versager gelten

Auffallend ist, dass auf eine unentgeltliche Hilfe anders reagiert wird als auf Hilfe gegen Bezahlung. Nicht nur werden die Termine seltener vergessen, sind die Klienten pünktlicher und präsenter, sondern die Unterstützung ist anders konnotiert.

Eine Dienstleistung, die gratis erfolgt, löst nicht immer Dankbarkeit aus, sondern oft ambivalente Gefühle. Verbreitet ist das Gefühl der Beschämung. Eine Befürchtung wird bestätigt, dass man als Versager gilt. Es wird nicht einmal erwartet, dass man die Beratung bezahlen kann. In Demut muss man einem grosszügigen und mächtigen Beamten die Reverenz erweisen. Selber hat man das Leben nicht im Griff; ist einer Sucht verfallen, undiszipliniert und nicht fokussiert. Man zögert, die eigentlich berechtigte Hilfe überhaupt anzunehmen. Diese Falle droht eher, wenn man das eigene Problem oder Unglück nicht eindeutig auf ein Aussenereignis zurückführen kann.

In die Opferfalle geraten

Eine andere Reaktionsform ist die Aggression. Die soziale Dienstleistung wird kritisiert, die Qualität der Hilfe abgewertet, die Vollzugsbeamten werden diskreditiert. Wiederum eine andere Reaktionsweise ist die Gier. Man möchte mehr. Dieses Phänomen kommt vor allem bei der finanziellen Unterstützung vor: Die Hilfe wird als ungenügend, die Kriterien werden zur Hilfeleistung als ungerecht empfunden. Forderungen werden gestellt und man bleibt unzufrieden: Man möchte in eine subventioniere Wohnung, Spesenentschädigung und möchte die Ferien bezahlt haben. Die Hilfe nimmt man hintergründig verärgert entgegen.

Schliesslich gibt es auch noch die sogenannte Opferfalle: Die Betreffenden werden in solchen Fällen passiv und von der Hilfe abhängig. Ohne die Begleitung oder direkte Unterstützung geht dann überhaupt nichts mehr, und die Eigen­initiative wird eingeschränkt.

Die Aufgabe des Sozialstaates besteht darin, es möglich zu machen, dass jenen Menschen geholfen werden kann, die in einer Krise stecken, die mit existenziellen oder materiellen Problemen kämpfen. Etwas gratis abzugeben, ist dabei nicht immer der beste Weg. Denn der Empfänger oder die Empfängerin belastet sich mit einer Schuld, von der er oder sie sich nicht befreien kann.

Viele Ämter fordern Gegenleistungen in Form von Auflagen, Zielvereinbarungen und Kooperation oder Arbeitseinsätzen. Solche Ersatzhandlungen haben freilich nicht immer die gewünschte Wirkung. Im öffentlichen Leben entbindet man sich durch Geldzahlungen von der Schuld. Man zahlt, wenn man etwas bekommt. Ohne Bezahlung werden die Betreffenden jedoch nicht von ihrem Ohnmachtsgefühl befreit. Gibt es eine Alternative?

Sich durch Gegenleistung geachtet fühlen

Die Halle ist bis zur Decke gefüllt mit Blas­rohren. Sie stammen von den Pemon, einem indigenen indianischen Stamm in Canaima, Venezuela, in Südamerika, an der Grenze zu Guyana, der nur den Tauschhandel kennt. Da der Stamm von Krankheiten heimgesucht wurde, beschloss die venezolanische Regierung, Moskitonetze, Nahrung und Medikamente abzugeben.

Die Auswirkungen waren fatal. Die Dorfgemeinschaften drohten zu verwahrlosen. Schliesslich forderte man eine Gegenleistung durch etwas, das ihnen wichtig war und sie selber herstellen: Blasrohre!

Das Resultat war phänomenal: Die Indianer fühlten sich geachtet, bewahrten ihre Traditionen und Dorfstrukturen wieder. Was könnten wir in Europa, in der Schweiz, einfordern als Gegenleistung für Hilfe?

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