Fallstudie Selbsterkenntnis

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 28.11.2014)

«Stell dir vor, was ich gemäss diesem doofen Test sein sollte: Alkoholiker!», raunt mir ein Bekannter zu. Er hat soeben in einem Laden einen Fragebogen eines Psychologen ausgefüllt, der Auskunft über das Ausmass des persönlichen Alkoholkonsums geben soll. Seine Resultat: gravierendes Alkoholproblem. «Ihr Psychologen würdet lieber etwas Sinnvolles tun, als Menschen als krank zu bezeichnen, nur weil sie hie und da ein Gläschen Wein trinken!», fügt er hinzu und seine Frau stimmt ihm zu. Sie sind sich einig: Der kleine Test ist ein Witz! Was beiden nicht bewusst ist, in ihrer weiteren Umgebung munkelt man schon längere Zeit über das Alkoholproblem des Mannes.

Wir alle haben eine Vorstellung darüber, was uns auszeichnet. Wir protestieren, wenn uns jemand eine Eigenschaft unterschiebt, die gemäss unserem Selbstbild nicht stimmen kann. Wir sind empört, wenn jemand uns Borniertheit vorwirft, des Egoismus bezichtigt oder gar meint, wir seien ein Schmarotzer. Wir definieren uns lieber über sozial anerkannte Eigenschaften: weltoffen, naturliebend, selbstkritisch und sozial. Wir sind für Frieden und gegen Fremdenfeindlichkeit. Entsprechend schimpfen wir über schamlose Abzocker, Sexisten, Steuerhinterzieher oder die üblichen Buhmänner. Uns selber schreiben wir eine bessere Haltung zu. Natürlich gehört es sich, dass unser Selbstbild auch einige negative Aspekte enthält. Wir geben zu, dass wir zu Perfektionismus neigen, oft desorganisiert oder ungeduldig sind oder zu wenig für den Umweltschutz tun. Meistens sind wir davon überzeugt, dass das Selbstbild ein realistisches Abbild unserer Persönlichkeit abgibt, denn schliesslich kennen wir uns selber am längsten.

«Wenn ich etwas gut kann, ist es zuhören!», teilt mir eine Frau bedeutungsvoll mit, nachdem sie mich eine Stunde lang zugetextet hat. Aus psychologischer Sicht ist das Selbstbild, an dem wir uns orientieren, nicht die Realität, sondern ein Zerrspiegel unserer Persönlichkeit. Natürlich schätzen wir viele Eigenschaften richtig ein und sie stimmen auch mit dem Eindruck unserer Umgebung überein, wirklich problematische Eigenschaften blenden wir jedoch aus. Was uns beunruhigen, ein moralisches Dilemma oder Betroffenheit auslösen könnte, wird der psychischen Stabilität zuliebe geopfert.

Diese Täuschung ist notwendig, denn unser Selbstbild dient nicht primär der Selbsterkenntnis, sondern hat die Aufgabe, das Leben mit uns selber zu ermöglichen. Es muss uns davon überzeugen, dass es sich noch lohnt, das Individuum der Menschheit zu präsentieren, das wir im Spiegel sehen. Wenn es uns gut geht und wir nicht an einer Depression leiden, dann orientieren wir uns an einer beschönigten Version von uns selbst. Negative Verhaltenseigenschaften wie Egoismus, Borniertheit, Egozentrik oder politische inkorrekte Ansichten werden nicht zugelassen. Wenn wir sozialkompetent und empathisch sind, dann maskieren wir uns gemäss den Richtlinien unserer Bezugsgruppen. Ohne dass wir es merken, passen wir uns den Ansichten unserer Umgebung an und fühlen uns fortschrittlich. Was tun? Wichtig ist, dass wir uns auch an Kritik und Gedanken wagen, die uns ärgern oder wir spontan empört ablehnen. Einsichten über uns selber sind oft unangenehm und widersprechen dem Mainstream-Bild, das wir uns anlegen, um uns in unserem sozialen Wohlstandsnest einrichten zu können. Nur wenn wir unsere Schattenseiten reflektieren, auch wenn sie politisch nicht korrekt sind, ist ein tieferer Dialog über uns selber und das Leben möglich.

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