Die Zeit des Hotels Mama sollte vorbei sein

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 24.07.2015)

«An die Türe klopfen nützt nichts!», beteuert die Mutter. Sie müsse ins Zimmer eintreten und ihren Sohn schütteln, damit er aufwache. Selber aufstehen könne er nicht. «Eigentlich beneide ich ihn um seinen Schlaf!» Das Problem sei jedoch, dass er den Unterrichtsbeginn verschlafe! Ihr Sohn komme regelmässig zu spät oder bleibe dem Unterricht der privaten Handelsschule ganz fern. «Die Morgenlektionen bringen nichts, die Lehrer sind schlecht vorbereitet!», begründe ihr Sohn seine Absenzen. Die Semesterprüfung trat er nicht an. Zum Besuch der Handelsschule haben die Eltern den Sohn überredet, nachdem die Mittelschule ihm verleidet war und er anschliessend eine Lehre abgebrochen hatte. «Lauter Streber» seien am Gymi und der Umgangston im Lehrbetrieb sei «primitiv». Er werde «sowieso mal Event-Manager». Nun sitze er zu Hause, verbringe seine Zeit mit Gamen, Bodybuilding und dem Organisieren des Wochenendes. Seine Eltern sind verzweifelt, denn schliesslich ist ihr Sohn bereits 21-jährig.

Die Ablösung vom Elternhaus ist ein vielschichtiger Prozess. Es gilt, sich aus der Umsorgung der Eltern zu lösen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Viele junge Menschen empfinden das Dasein zu Hause jedoch als angenehm: Das Essensproblem ist gelöst, die Wäsche wird erledigt und man hat ein Dach über dem Kopf. Von der Home-Basis aus kann man Reisen unternehmen, den Ausgang geniessen und dank Internet in virtuellen Welten surfen. Krankenkasse, Versicherungen und oft auch die Steuern werden von Mami und Papi erledigt. Natürlich gibt es Ermahnungen und man muss periodisch mit aufgeregten Eltern fertigwerden, doch das ist angesichts der Annehmlichkeiten erträglich. Gleichzeitig drängt es einen nach draussen, man möchte sich in der Welt dort draussen beweisen, hat grosse Pläne oder wartet auf eine wirklich sinnvolle Aufgabe. Anreize helfen Jugendlichen, das elterliche Haus zu verlassen und das Leben in eigene Hände zu nehmen. Früher war es die Aussicht auf Freiheit, sexuelle Erlebnisse und ein Leben, das man selber gestalten konnte. Zu Hause war man dem Regime der Eltern unterworfen. Enge Wohnverhältnisse weckten den Wunsch nach einem eigenen Raum. Der Übertritt wurde durch Initiationsrituale erleichtert. Man musste ins Militär, absolvierte ein Welschlandjahr oder hatte ein Zimmer im Lehrlingsheim. Die Trennung von den Eltern war eine Notwendigkeit. Heute bestehen diese Anreize kaum mehr. In vielen Familien gibt es genügend Wohnraum, um ein abgeschottetes Eigenleben führen zu können. Die Haltung der Eltern wurde liberaler. Man pocht kaum mehr auf die Einhaltung strenger Regeln, hat Verständnis für die Ausschweifungen der Adoleszenz und Beziehungsexperimente.

Eltern versuchen ihre Kinder in die Selbstständigkeit zu coachen. Sie sprechen mit ihnen, machen Vorschläge und organisieren Ausbildungen. Oft genügen jedoch Worte nicht. Die Bindung an die Eltern ist zu stark und die Angst vor der Zukunft zu gross. Damit diese jungen Menschen ihr Leben anpacken, müssten die Eltern ihre Rolle ändern. Statt verständnisvoll, begleitend und zudienend zu sein, Grenzen ziehen und Taten wagen. «Ohne Schulbesuch gibt es keinen Rappen!» «Wenn du dich in der Lehre nicht anstrengst, wird dein Zimmer zum Gitarrenraum!» Natürlich: Niemand will brutal sein und die Beziehung zum Sohn oder zur Tochter will man erhalten. Die Gefahr ist jedoch, dass der Sohn oder die Tochter weiterhin Hotel Mama bucht und den Schritt in die Selbstständigkeit nicht wagt, wenn die Eltern nicht zu Tätern werden.

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