Die Lehrpersonen als Besserwisser

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 31.10.2014)

Im Schulzimmer dieser sechsten Klasse herrscht ein emsiges Treiben. Die Schüler gruppieren sich um Pulte, sitzen auf dem Fenstersims oder lümmeln im Gang. Abwechslungsweise wenden sie sich Computern zu, flüstern, surfen, drucken auf Papier aus oder blättern in Arbeitsheften. Immer wieder starren sie auf ein Blatt, auf dem Anweisungen stehen. Hie und da kritzeln oder notieren sie etwas. Es geht um selbsttätiges Lernen. Die Kinder definieren individuelle Lernziele und entscheiden sich über die Arbeitsweise. Der Lernprozess wird gemäss Vorgaben schriftlich fixiert. Die Lehrperson amtet als Coach; hält Beobachtungen schriftlich fest, gibt Ratschläge. Nach drei Tagen spreche ich mit zwei Knaben dieser Klasse und will wissen, was sie gemacht haben. «Blätter ausfüllen, Strichli, Strichli machen, meinen Spitzer habe ich verloren, das Thema? Keine Ahnung!»

Lernen ist in einen Kommunikationsprozess eingebettet. Eine Person will beim Gegenüber etwas vermitteln oder auslösen; ein Interesse, Neugier oder eine Irritation auslösen. Die Wirksamkeit hängt von der Intensivität des Vermittlungsaktes ab. Je eindrücklicher, desto grösser die Chance, dass das Gegenüber die Information behält oder angeregt wird zu denken. Wie man aus Geschäftsbeziehungen, der Politik, aus der Psychotherapie und von privaten Erfahrungen weiss, bleiben vor allem jene Mitteilungen haften, die von Person zu Person vermittelt wurden. Studenten der Hochschulen können die unzähligen Artikel, die sie gelesen haben, kaum rekapitulieren, die Kernbotschaften der Professoren jedoch schon. Der Inhalt erhält seine Bedeutung durch das Beziehungssetting. Emotionen, die physische Präsenz sind ebenso wichtig wie der Inhalt. Schulisches Lernen ist ein Anbindungsakt der jüngeren Generation an das Wissen und Können der Kultur, vermittelt durch dazu befähigte Alte.

Prägungen sind unberechenbarer und nicht planbar. Sie werden durch die Chemie der beteiligten Menschen beeinflusst. Meist erreicht nur ein kleiner Teil der intendierten Informationen die Adressaten. Wird das Gegenüber angeregt, dann spinnt es zudem die Informationen kreativ weiter, verändert sie. Die Unberechenbarkeit der Kommunikation macht es schwierig, Lernprozesse zu objektivieren und Resultate vorher zu definieren. Reduziert man den Lernprozess jedoch auf Blätter, Computerresearchs und selbsttätiges Arbeiten, dann hat man den Beziehungsfaktor ausgeschaltet. Lernen ist kein Prägungsprozess mehr. Wissen und Denken werden nicht eingefordert und die Lerninhalte werden beliebig. Dafür werden die Erhebung empirischer Fakten und Kontrolle ermöglicht. Man kann den Lernerfolg scheinbar erfassen. Problematisch ist, dass die Schüler drohen in ihrem Denkhorizont zu verharren, während sie eifrig Strichli machen und in einem Meer von irrelevanten Informationen herumsurfen. Platon warnt vor einer Ausrichtung auf das Schriftliche. Der Mensch delegiere damit das Denken an Papier; Vergesslichkeit und Geschwätzigkeit seien die Folgen. Selbsttätiges Lernen macht Sinn, wenn die Schüler von Lehrpersonen gleichzeitig erfahren, was wichtig ist. Sie brauchen Erwachsene, die sich ihnen gegenüber als Besserwisser präsentieren und sich mit ihnen persönlich auseinandersetzen.

Gut würde es der Schule tun, wenn sich der Unterricht eine Woche lang völlig von Computern und Papier löst und auf mündlichen Unterricht beschränkt. Die Lehrpersonen konzentrieren sich auf jene Lerninhalte, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Nichts darf gelesen oder aufgeschrieben werden. Die Chance wäre gross, dass sich die Schüler und Schülerinnen wirklich beeindrucken lassen und sich an den Stoff erinnern.

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