Der Betrieb bin ich

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 20.02.2015)

«Hegetschwyler, 20 Jahre!» «Stenico, 7 Jahre!» «Furrer, 32 Jahre!» – Die Bahnangestellten stellen sich vor dem zweitägigen Ausbildungskurs der Reihe nach vor. Es geht um Konfliktmanagement mit Passagieren. Auffallend: Jeder fügt dem Namen spontan die Berufsjahre hinzu! Je mehr Jahre bei der Bahn, desto grösser die Achtung, die man von Kollegen und Vorgesetzten erhält. Einmal Bähnler, immer Bähnler! Etwas später teilt mir ein Zugbegleiter besorgt mit, es gebe tatsächlich Kollegen, die nach dem Ausziehen der Uniform sich nicht mehr als Bähnler fühlen! 

Eine solche Einstellung zum Beruf scheint heute anachronistisch. Mit dem Betrieb ist man nicht verheiratet, sondern es handelt sich um ein Zweckbündnis auf Zeit.

Wer länger als fünf Jahre an der gleichen Arbeitsstelle verharrt, gilt als nicht vermittelbar. Der Betreffende kann seine beruflichen Ambitionen begraben. Top-Shots haben den Arbeitsmarkt permanent im Auge und planen gezielt den nächsten Karriereschritt. Wer im Lebenslauf nur einen oder zwei Arbeitgeber vorweisen kann, macht sich verdächtig. Als Professioneller hat man flexibel und autonom zu sein. Man strebt nach Excellence und sollte wegen des herausragenden Profils im Visier der Headhunters sein. Identifikation mit dem Betrieb oder der Arbeit ist nicht vorgesehen.

Diese Haltung übersieht die Hauptmotivation der Mehrzahl der Arbeitnehmer. Es geht diesen nicht um eine möglichst grosse finanzielle Entschädigung oder eine grossartige Karriere, sondern eine Tätigkeit, die Sinn macht. Solche Arbeitnehmer sind inhaltlich motiviert. Sie verstehen sich als Elektriker der Hunziker AG, sorgen sich um die Kupferdrähte mit Stoffmantel in Altbauten oder sind Verkäuferin bei der Konditorei Freytag und stolz auf die speziellen Schokoladentorten. Der Betrieb wird zu einem Teil der persönlichen Identität. Ihre Einstellung hebt sich wohltuend von Job-Nomaden ab, die von Stelle zu Stelle hüpfen und auf ihren persönlichen Vorteil bedacht sind. Oft sammeln sie im Laufe ihrer Karriere immer mehr Material: Autos, Ferien­häuser, Kunstobjekte. Manche fühlen sich nicht verbunden mit einer Region oder einer Menschengruppe, sondern sind an einem möglichst steuergünstigen Ort «based». Produkte und Dienstleistungen sind nur Geldquellen und nicht realisierte Gewinne/Verluste. Oft verstehen sie nicht, dass es Menschen gibt, die nicht nur Material akkumulieren wollen, sondern zufrieden sind, wenn man ihre Arbeit schätzt und etwas dafür bekommt.

Vor allem in wirtschaftlich harschen Zeiten, wenn Betriebe genau rechnen müssen und wegen des starken Frankens Gewinne dahinschmelzen, sind solche Arbeitnehmer wichtig. Sie sind das Rückgrat der Wirtschaft unseres Landes und ermöglichen es, Krisen zu überwinden. Weil sie sich identifizieren, erkennen sie die langfristigen Ziele eines Betriebs. Natürlich: Die Gefahr ist, dass sie als nützliche Idioten ausgenützt werden. Sie meinen, anderen gehe es auch um die Sache, und merken nicht, wenn sie nur eine Geldquelle sind.

Vielleicht ist diese Gefahr in grossen anonymen Betrieben grösser. Einen Kranz winden muss man allen Chefs, die ihren Betrieb als eine persönliche Angelegenheit betrachten und denen das Wohl und die Sicherheit der Angestellten am Herzen liegen. Chefs, die auf ihre Mitarbeiter hören und sich für eine lebendige Firmenkultur einsetzen. Bei Unternehmern eine Selbstverständlichkeit, bei Managern nicht immer gegeben.

Der Chef der Hunziker AG hat übrigens wegen der Frankenstärke seinen Lohn um zehn Prozent gekürzt.

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