Das Gefühl der Machtlosigkeit

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 24.04.2015)

«Bezahlt haben sie nichts!», teilt mir der Unternehmer in gebrochenem Englisch mit. Er macht einen resignierten Eindruck. Die Übersetzerin fügt hinzu, der Mann sei am Ende. Im Norden Chinas habe er erfolgreich eine Firma aufgebaut. Sie hat vor allem von staatlichen Aufträgen gelebt. Das Problem: Die Bezahlung hänge von der Willkür des zuständigen Beamten ab. Klagen seien sinnlos, denn die Justiz sei am Gängelband des Staates, bei dem die Partei das Sagen hat. Entscheide kann man nicht hinterfragen.

Während meinem Aufenthalt an einer südchinesischen Universität, in der ich Supervisionen durchführe, vernahm ich viele ähnliche Geschichten. Ein Schriftsteller ist verzweifelt, weil ihm mitgeteilt wird, dass für seine nächste Publikation das Papier nicht reiche; ein Dozent verliert den Kontakt zu Kollegen, die verhaftet wurden, nachdem sie sich privat zu einer Gesprächsrunde über Tienanmen versammelt hatten, drei tauchen seit Monaten nicht auf. Solche Ereignisse fressen sich in die Seele ein. Vor allem für initiative Menschen ist die permanente Unsicherheit unerträglich. Wann schlägt bei mir das Fallbeil zu? Man sieht sich vor, versucht aus den Worthülsen der Parteizentrale kommende Strategien herauszulesen und zerbricht sich den Kopf über die Absichten bei der Verhaftung demonstrierender Frauen oder des obersten Polizeichefs. Spekulationen werden ausgetauscht, Tabus jedoch respektiert: Kein Wort gegen die Partei, zu Tibet oder den Uiguren. Das Gefühl der Machtlosigkeit bleibt.

«Feedback im Team, um die Zusammenarbeit zu stärken!», antwortet mir ein hohes Mitglied der Partei, als ich sie frage, was das Thema ihrer letzten internen Sitzung war. «Wir haben unserem Chef mitgeteilt, dass wir uns um seine Gesundheit Sorgen machen, so wie er sich für die Partei einsetzt!» «Arbeitet er zu viel?», will ich wissen. «Keine Ahnung! Den Inhalt des Feedbacks bestimmen nicht wir, sondern wir richten uns nach Vorschlägen im Internet!» Die Vorstellung, dass sie eine ehrliche Rückmeldung geben könnte, ist ihr fremd. Es geht doch um die Wiedergabe von Parteiparolen, eigenes Denken ist nicht erwünscht. Wörter dienen lediglich der internen Profilierung. Neben «Feedback» operiert man mit Begriffen wie «Effizienz» und «Anti-Korruptionsmassnahme». Unbescholtene Begriffe werden eingesetzt, um sich durchzusetzen und eigenes Machtstreben zu kaschieren.

In der Schweiz haben wir es besser. Sich einmischen ist Bürgerpflicht und möglich, die Macht ist verteilt, die Justiz unabhängig. Es gibt jedoch ähnliche Tendenzen: Nicht eine Partei herrscht, sondern ein Mainstream, ausgestattet mit unkritisierbaren Begriffen wie «Sicherheit», «Qualität», «Gesundheit», «Kompetenz», «Energiewende». Entscheidungsträger werden aktiv und zwingen auf bürokratischem Weg Schulen, Betrieben oder Gesundheitsinstitutionen Massnahmen auf, ohne dass die Betroffenen mitreden konnten: Im tertiären Bildungssektor wurde die Bologna-Reform beschlossen; in Schulen wird der Lehrplan 21 eingeführt, Firmen müssen aufwendige Arbeitszeitkontrollen einrichten und Hundebesitzer Kurse besuchen. Schöne Worte umnebeln Politiker und haben undemokratische Entscheide zur Folge. Vom Staat besoldete Experten verhalfen mit ihrem Wissen der Bürokratie zu einer Machtfülle. Unter dem Deckmantel eines hehren Begriffes werden Verbesserungen beschlossen, die von Betroffenen als realitätsfremd, schikanös und als Ausdruck eines bürokratischen Machtstrebens empfunden werden. Die Begriffe zu hinterfragen, gilt als politisch inkorrekt. Verbreitet sich ein Ohnmachtsgefühl? Immerhin: Man wird nicht verhaftet, wenn man solche Gedanken äussert.

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: