Arbeit statt Schule

Kolumne von Allan Guggenbühl (Basler Zeitung, 29.05.2015)

«Klar nicht!», schnauzt der Junge seine Lehrerin an und grinst. Ihre ultimative Aufforderung, das Zimmer zu verlassen und sich beim Schulleiter zu melden, ignoriert er. Sein Verhalten während der Lektion war unmöglich; Arbeitseinsatz: null, dafür hat er einem Kollegen den Stuhl weggerissen («Nicht meine Schuld!»), sich während der grossen Pause trotz Verbot mit Sandwichs im Coop eingedeckt («Sonst verhungere ich!») und während einer Lektion eine spontane Schlafphase eingelegt («Mega-müde vom Weekend!»). Für Lehrpersonen sind solche Schüler eine grosse Herausforderung. Sie absorbieren einen grossen Teil der eigenen Energie. Neben Mahnungen, ernsthaften Gesprächen, der Anvisierung der Eltern, Klassenversetzungen, Verträgen, Strafen gab es Sitzungen mit dem Schulsozialarbeiter, Ermahnungen durch den Schulleiter und eine schulpsychologische Abklärung. Im Einzelkontakt war der Schüler zugänglich und scheinbar einsichtig. Im Schulbetrieb blieb das Verhalten jedoch unmöglich, ein Erfolg stellte sich nicht ein. Leider gibt es in fast jeder Klasse solche Schüler oder Schülerinnen.

Schulreformen haben auch zum Ziel, solche Störungen zu verhindern. Dank Schülerzentrierung soll bei allen Schülern Neugierde und Lernfreude geweckt werden. Die Lernziele werden eigenständig und bedürfnisorientiert erarbeitet. Schüler bewegen sich in Lernlandschaften und orten in Lernateliers ihre Interessen. Das tönt schön, aus der Sicht vieler Schüler handelt es sich jedoch um einen Rosstäuschertrick. Mit pädagogischen Inszenierungen und schönen Worten will man verbergen, dass man sich immer noch in einer Welt bewegt, in der Anpassung und Folgsamkeit verlangt wird. Dieses wird nicht durch polternde Lehrer eingefordert, sondern durch unpersönliche Normen, die von hehren Begriffen abgeleitet werden: Kooperation, Selbstständigkeit, Eigeninteresse, Sozialkompetenz. Der pädagogische Habitus dominiert, man will die Persönlichkeit der Schüler formen und verändern. Wie immer: Unproblematische Schüler fügen sich den neuen Lernformen, Schüler mit einer latenten Renitenz fallen durch.

Es braucht neue Antworten. Zwei Lehrpersonen hatten bei einer dritten Sekundarklasse in Luzern, die wir mit unserem Institut begleiteten, bereits den Bettel hingeschmissen. Die Klasse galt als ununterrichtbar. Schliesslich kam die Idee auf, die reine Knabenklasse nur noch an drei Tagen zu unterrichten. Zwei Tage pro Woche mussten sie ausserhalb der Schule einer bezahlten Arbeit nachgehen. Mithilfe der Eltern wurden Arbeitsmöglichkeiten gefunden: Lager einräumen, bei Waldarbeiten helfen, putzen, Strassenarbeit. Der Erfolg war eindrücklich. Plötzlich besuchte die Mehrheit der Schüler den Unterricht gern, zeigte sogar Interesse am Stoff.

Natürlich ist dies keine Patentlösung. Wir sollten uns von der Idee lösen, dass alle Schüler und Schülerinnen zwingend acht, neun oder sogar zehn Schuljahre vollzeitig durchlaufen müssen. Schulen sind nun mal künstliche Welten und haben wenig mit dem Leben dort draussen gemein. Die effektive Arbeitswelt ist kompromissloser, weniger moralisch und idealtypisch ausgerichtet. Vielen Schülern tut es gut, zuerst einmal unmittelbare Arbeitserfahrungen zu machen. Die Arbeitswelt ist roher, widersprüchlicher und brutaler, vermittelt jedoch auch das Gefühl, sich am wirklichen Leben zu beteiligen. Viele Jugendliche erleben es als befreiend, wenn nicht mehr empathisch, indirekt oder fies an ihrer Persönlichkeit herumlaboriert wird, sondern eine Aufgabe im Vordergrund steht. Sie wollen aus dem Gefängnis Schule ausbrechen und sich am wirklichen Leben beteiligen, oft auf der Suche nach einem Wake-up-Call für sich selber.

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